Wir werden älter und damit nimmt auch der Anteil der Älteren Menschen an der Weltbevölkerung stetig zu. Wir sprechen vom sozialen Wandel und veränderten Familienstrukturen, das bringt viele Herausforderungen mit sich- und birgt Gefahren. Zum Beispiel die der Vereinsamung im Alter, die eine immer größere Rolle spielt und Stück für Stück die Seele auffressen kann! Wieso? 

      Alleinsein ist kein Grundbedürfnis

      Sind wir mal ehrlich! Der Mensch ist einfach nicht zum allein sein geboren. Vielleicht mal ein paar Tage, Wochen und Monate – aber für immer? Menschen haben Grundbedürfnisse, dazu zählen Wertschätzung, Anerkennung, das Gefühl gebraucht zu werden. Alleine sind diese schwer zu befriedigen und genau da liegt das Problem, wenn Menschen im Alter vereinsamen, denn egal wie alt man ist, missen möchte man nichts dergleichen und freut sich auch im hohen Alter noch über Nähe und den Austausch. 

      Ein Hund als Partner

      Der Gedanke, dass Haustiere einen Partner ersetzen, mag vielleicht einigen Menschen erstmal abwegig vorkommen, doch inzwischen haben zahlreiche Studien belegt, das Haustiere Einsamkeit lindern können. Haustiere erfüllen ganz wesentliche Bedürfnisse der Menschen, vor allem die Wichtigsten: Nähe, Zuwendung, Geborgenheit und Trost.

      Der Tag, an dem ich Luise traf

      Das klingt erstmal logisch, aber irgendwie auch theoretisch.

      Praktisch vor Augen geführt, wird es mir wenn ich jeden Tag im Park Gassi gehe. Da begegnet mir Bommel, der Dackel. Sein Frauchen ist weit über 80 und humpelt mit ihren Stock durch den Park. Bommel ist für sein Tempo und seine Leine selbst verantwortlich. Hinter der nächsten Ecke treffen wir auf Jackie, ein älterer Mann, dessen Hund Jackie hieß – vergisst man als Hundebesitzer sich irgendwann vorzustellen und nennt Menschen einfach beim Namen der Hunde? Merkwürdig, aber so ist es. 

      Jackie kommt mehrmals die Woche vorbei, läuft die alte Hunderunde, füttert seine zwei Raben, die immer auf ihn warten und hat natürlich Leckerlies dabei, für die alten und neuen Bekannten. 

      Dann kommt auch schon Moritz, wieder ein Dackel – sein Herrchen geht auch schon straff auf die 90 zu und jeden Tag ziehen sie ihre Kreise, außer an Tagen, wenn Moritz keine Lust hat, dann kommt er alleine und schaut den Enten auf dem Teich zu.

      Und dann auf dem Heimweg, dann kam Luise.

      19 Jahre alt, humpelnd (Arthrose), das Fell hat die besten Zeiten schon lange hinter sich und ist etwas struppig, mal mehr mal weniger nachgewachsen, aber ein Strahlen und eine Neugier in den Augen. 

      Freudig wedelt das Schwänzchen, der Schritt wird schneller und beim hochschauen sehen mich zwei blaue Augen an, die voller Stolz auf Luise schauen. Schnell erfahre ich ihr Alter, ihre Geschichte – sein ganzer Stolz. Seine Luise. 

      Wie aus einer Begegnung eine (Hunde)freundschaft wurde

      Schnell habe ich gemerkt, Luise ist jeden Tag hier, mehrmals. Mit seinem Auto kommt er, lädt die Rampe aus, vormittags, nachmittags, jeden Tag – schiebt sie liebevoll die Rampe hoch wenn es mal nicht so läuft mit den Gelenken. Gemeinsam laufen sie ihre Runden, Tag ein, Tag aus. Winnie – meine Hündin – mag Luise und ich mag die Begegnung mit den beiden.

      Immer öfter erfahre ich Bruchstücke aus dem Alltag. Alleinstehend und verwitwet ist Luises Zweibeiner und unheimlich stolz auf seine 19 Jahre alte Begleitung auf vier Pfoten. Seit 5 Jahren an seiner Seite, adoptiert von einem Bauernhof, dessen Besitzerin gestorben ist. Mit 14 stand Luise kurz vor dem Tierheim. Erzählt er mir, während wir gemächlich durch den Park laufen – das Tempo bestimmt natürlich Luise und auch die Pausen.

      Ich finde es faszinierend mehr zu erfahren, die beiden zu begleiten, gemeinsam mal schweigend, mal redend nebeneinander her zu laufen, zu sehen wie liebevoll er sich immer nach ihr umdreht um sicher zu gehen, dass es seiner Luise auch wirklich gut geht.

      Sind Hunde nicht wunderbare Kontaktvermittler? 

      Beim Spazierengehen kommt man leichter ins Gespräch, wird häufiger gegrüßt als ohne Hund, lernt Menschen und Leben kennen, die einem sonst verschlossen, geblieben wären und kann dazu beitragen, dass gerade alleinstehende Menschen Austausch finden, in Kontakt bleiben. 

      Ein Gespräch übers Wetter, die Hunde, die Raben – egal was es ist, es kann einen Unterschied machen, für jemanden, der einfach nur teilhaben möchte, am Leben.

      Gesundheit und Struktur

      Aus eigener schmerzvoller Erfahrung weiß ich, wie wertvoll Gesundheit und Bewegung ist, doch Menschen sind Gewohnheitstiere. Lieber das Sofa als das feucht-graue Nebelwetter. Ok. Aber wenn einen eine Fellnase anschaut, mit dem Schwanz wedelt und aufgeregt zur Tür rennt, tja … da stellt sich die Sofafrage nicht mehr. 

      Der Tag hat feste Zeiten, die Bewegung ist gesichert – der Alltag kann einen fangen aber man entflieht, immer und immer wieder, weil da dieses Wesen ist, was einen rausholt, fordert, unterhält, manchmal in den Wahnsinn treibt aber meistens dafür sorgt, dass wir gesünder, glücklicher, zufriedener und sozialer werden.

      “Die Nähe, die ein Hund vermitteln kann, wirkt wie ein Zauber”

      Unsere Gesellschaft braucht mehr Paare wie Luise und ihren Zweibeiner

      Wir brauchen mehr! Mehr Nähe! Mehr Austausch! Mehr Hunde und alte Menschen als Team als Partner, die zusammengeführt werden und der Einsamkeit ein Stück Raum wegnehmen.

      In England wird es vorgelebt: die Pedigree Dog Dates führen alte Menschen und Hunde durch eine Matching App zusammen, für ein paar Stunden, einen Tag – eine andere Form von Hundesitting. Ich find’s gut und freue mich, dass dieses Thema immer mehr in den Mittelpunkt von Diskussionen rückt und würde mir noch mehr Initiativen wie diese auch in Deutschland wünschen. 

      Selber konnte ich an meiner Oma sehen wieviel positive Energie eine Fellnase spenden kann, das berühren, das streicheln, das kuscheln, das schnüffeln über den Boden und das Gefühl von „Ich werde gebraucht“ hat den Unterschied gemacht.

      Heute gehen wir in Altersheime, zum streicheln und bespassen. Ist es immer einfach? Nein! Aber es gibt trotzdem soviel zurück und gerade in Momenten wie Weihnachten sollte man nie vergessen, dass nicht jeder das Glück hat im Kreise seiner liebsten zu sitzen. 

      Vielleicht kannst ja auch du bei deinem nächsten Spaziergang ein bisschen Freude und Kontakt in den Alltag eines alleinstehenden Menschen bringen? Es geht so einfach …

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