Die Steppe, ein Lebensraum für sich
Die ausgedehnten Steppen der Mongolei sind eine der letzten unberührten Landschaften der Erde und Heimat von Tausenden und Abertausenden halbwilder und wilder Pferde und vielen anderen besonderen Wildtieren, die in der Kargheit und Weite dieses Landes ihre Heimat, ihr Zuhause gefunden haben.
Wenn man auf die mongolische Geschichte (geprägt von Dschingis Khan) zurückblickt, kann man sogar so weit gehen zu sagen, dass die sagenumwobene Geschichte der Mongolei ohne Pferde einen anderen Verlauf genommen hätte.

Bis vor wenigen Jahren war das Reiten das einzige Fortbewegungsmittel in der Mongolei. Obwohl mittlerweile motorisierte Gefährte auch dort Einzug gehalten haben, hat das Pferd und das Reiten immer noch eine fundamentale Bedeutung für die Nomaden und ihren Lebensstil in den Weiten dieses kargen und doch so wundervollen Landes. Pferde und das Nomadentum sind grundlegend miteinander verbunden. Diese Nähe spürt und sieht man. Es ist die Achtung, mit welcher die Nomaden den Tieren und insbesondere den Pferden begegnen, die mich immer wieder erstaunen lässt. Ich habe mir sicher mehr als einmal gewünscht, dass auch wir in den, wie wir so schön sagen, „westlich zivilisierten Ländern“ uns davon wieder etwas abschauen könnten. Im Einklang mit der Natur und den Tieren leben, statt zu versuchen, sie uns „unterzuordnen“.
Die Mongolen und ihre Pferde
In Vorbereitung auf diese Reise hatte ich viele Bilder im Kopf, von majestätischen, durch die Steppe galoppierenden halbwilden, vielleicht auch wilden Pferden, natürlich auch die über die Grenzen der Mongolei hinaus bekannten Przewalskipferde und noch so viel mehr. Und da stehe ich nun, an unserer ersten Station, dem Hustai-Nationalpark (auch Khustai geschrieben), dem Zuhause der letzten ihrer Art, und blicke im Camp um mich. An einem Stück quer gespannten Draht stehen sie, mit einem Strick „aufgehängt“ wie an einer Wäscheleine, zottelig und ohne jede majestätische Haltung. Sie schauen ein wenig aus wie die armen, mittellosen Verwandten dieser so gern im Fernsehen dargestellten Wildpferde. Doch in Wahrheit sind sie Helden, die Helden des Alltags und Helden der Steppe, denn viel von dem unwegsamen Gelände kann bis heute nicht mit dem Auto befahren werden.

Mehr Pferde als Menschen
In der Mongolei leben mehr Pferde als Menschen. Es gibt kein anderes Land auf der Welt, in dem das so ist. Nur in der Mongolei. Das, was für uns von außen betrachtet irritierend anmuten mag, ist dort einfach eine Arbeitsweise. Ehrlicherweise muss man sagen, dass die wenigsten der Pferde tatsächlich „an der Wäscheleine“ stehen, sondern vielmehr frei und unbestimmt durch die Weite der Steppe galoppieren und ziehen können. Pferde, soweit das Auge reicht, ohne Zaun, ohne Grenze. Einfach frei. Dieser Anblick allein berührt und macht demütig, denn so etwas habe auch ich noch nie zuvor gesehen.

Die härtesten ihrer Art
Und diese zotteligen, zum Teil vom harten Leben in der Steppe gezeichneten Vierbeiner haben eine beeindruckende Geschichte, denn bereits 2000 vor Christus finden sich erste Aufzeichnungen von Pferden in der Mongolei. Sie sind entstanden aus jahrtausendelanger, unbarmherziger und den Umständen geschuldeter harter Selektion. Diese gipfelt in dem langen Steppenwinter, der in den Höhensteppen teilweise bis zu minus 40 Grad erreichen kann.

Die Feinde der Wildpferde
Im Sommer ist die Steppe von einem dünnen, recht nährstoffarmen Grasteppich überzogen. Die Wölfe sind mitunter die härtesten Feinde der Wildpferde. Hier ist keine Eleganz und auch keine Schönheit gefragt. Hier geht es einzig und allein ums Überleben und um das Sichern der Nachkommen. So unansehnlich sie auch ausschauen, so überlebensstark sind sie, diese halbwilden Pferde. Und jeder für sich erzählt seine Geschichte. Davon zeugen die Narben auf dem Fell und der neugierige und doch vorsichtige Blick. Menschen sind hier draußen in der Wildnis eher eine Seltenheit als Normalität.

Beeindruckend ist auch die Anpassungsfähigkeit der Wildpferde an die verschiedenen Klimazonen dieses vielfältigen Landes. Von den Hochebenen im Norden und Nordosten bis hin zur Wüste Gobi mit ihren Sanddünen und abertausenden Kilometern an Schotter und Nichts. Sie sind überall zu Hause, ziehen durch die grünen Wiesen des Hochlandes oder besiedeln die kargen und sehr warmen Flächen der Wüste Gobi.
Das Przewalskipferd, das letzte echte Wildpferd
Viele Pferde haben die Mongolen gezähmt und in ihren Alltag integriert. Eine allerdings nicht: die Takhi, bei uns bekannt als Przewalskipferde, 1881 wissenschaftlich benannt nach dem russischen Forscher Nikolai Przewalski. Statt sie zu zähmen, wurden sie gejagt und verkauft, bis nichts mehr übrig war. Von der Erdoberfläche verschwunden. Mit einigen wenigen Ausnahmen in europäischen Zoos war diese Wildpferderasse ausgerottet.

Das Juwel der Pferdegeschichte
Durch mühevolle Nachzüchtungen und jahrzehntelange Auswilderungen ist es diversen Tierschutzorganisationen gelungen, dieses Juwel der Pferdegeschichte wieder in die mongolische Steppe zu integrieren. Wir machen uns auf ihre Spuren. Das erfolgreichste Projekt findet sich im Hustai-Nationalpark, keine zwei Autostunden westlich von Ulan Bator. Mehrere Hundert von ihnen sollen hier heute wieder leben, angepasst an die rauen Bedingungen.
Die Aufregung ist groß, als es am Nachmittag mit dem Jeep ins Hinterland geht. Weite grüne Hügel, wenn es ein Gefühl von Unendlichkeit gibt, dann hier in der Mongolei. Man muss sich daran gewöhnen, an diese Weite, diese Unendlichkeit, dieses Grün und die Berge, die aussehen wie mit einem Teppich überzogen. Wenn man bedenkt, dass Deutschland mit seinen mehr als 80 Millionen Einwohnern einen Bruchteil der Größe dieses Landes ausmacht, dann fängt man Tag für Tag an zu verstehen, was Weite wirklich ist.

Endlos. Weit. Einsam.
Die Augen rotieren, das Fernglas und die Kamera griffbereit. Wir sehen viele Pferde, sogenannte halbwilde Pferde, die im Sommer auf den endlosen Hügeln scheinbar einsam grasen, aber von den Takhi keine Spur. Sie sollten uns noch auf die Folter spannen, bis gegen 18 Uhr in weiter Ferne eine Herde erscheint, so klein selbst im Fernglas, dass es viel Vorstellungsvermögen braucht.
Als die Aufregung unter den paar wenigen anderen Besuchern verflogen ist und sich alle auf den Heimweg machen, beschließen wir zu warten. Und wir wurden belohnt. Hinter dem kleinen Hügel stand er, neugierig schaute er in unsere Richtung.
Ein ganz besonderes Kennenlernen
Noch nie bin ich so vorsichtig, schnell, leise und scheinbar ohne jede Erschöpfung einen Berg nach oben geschlichen. Aber dieses Kennenlernen war dann doch ein besonderes.
Schüchtern, vorsichtig, immer mit dem notwendigen Abstand und doch ganz nah, stand er da, der Hengst mit seinen typischen Zebrastreifen um die Fesseln. Ähnlich den Fjordpferden und kaum zu unterscheiden von den steinzeitlichen Bildern in der Höhle von Lascaux, mit ihren kurzen, gestutzten Mähnen. Wären da nicht die Jeeps und vereinzelten Stromleitungen, so hätte ich mich gefühlt wie in einer anderen Welt.
Und plötzlich galoppiert er los. Ein beigefarbener Strich in einer mystisch einsam anmutenden Landschaft, unreitbar, nicht zähmbar und schön wie aus einer anderen Zeit.
Es bleibt zu hoffen, dass sie ihren Frieden nun finden, in den Weiten dieses bezaubernden Landes. Ein Land, das sich noch vieles vom Ursprung behalten hat, einem Ursprung, wie er in unserer westlich zivilisierten Welt schon lange nicht mehr vorstellbar ist.

Zurück in Norddeutschland sind „meine“ Pferde andere. Sie haben einen Namen, einen Stall, einen Menschen, der sie liebt. Und doch trage ich seit der Mongolei etwas mit, das ich vorher nur geahnt habe. In jedem Pferd steckt ein Stück dieser Freiheit, auch im ruhigsten Wallach auf der Koppel nebenan.
Genau das suche ich, wenn ich fotografiere. Nicht die gestellte Haltung, sondern den Moment, in dem dein Pferd ganz bei sich ist. Bei manchen Menschen nenne ich ihr Tier ein Seelenpferd oder Herzenspferd, und durch den Sucher sehe ich dann genau das Gefühl, das mich damals in der Steppe so fasziniert hat.
Ich bin Ines Arnshoff, Tierfotografin aus Bremen, und ich fotografiere Pferde und ihre Menschen in Bremen, Niedersachsen und darüber hinaus.
Erzählen wir die Geschichte deines Pferdes? Ich halte dein Herzenspferd so fest, wie es wirklich ist. Mit Zeit, Ruhe und einem Blick für den einen Moment, der bleibt. → Fotoerlebnis anfragen → Alle Fotoerlebnisse ansehen Noch nicht so weit? Dann lass uns doch über meinen Newsletter (du findest das Formular ganz unten auf der Seite) in Kontakt bleiben! |